Warum die Tierschau auch heute noch wichtig ist
Die Tierschau auf der Wendener Kirmes blickt auf eine lange Geschichte zurück. Seit Generationen kommen am Kirmesdienstag Landwirtschaft, Tierzucht und Bevölkerung zusammen. Ihre heutige Bedeutung erschöpft sich jedoch nicht in der Pflege einer Tradition.
Gerade in einer Zeit, in der immer weniger Menschen einen unmittelbaren Bezug zur Landwirtschaft und zur Haltung von Nutztieren haben, erfüllt die Tierschau eine wichtige Aufgabe. Sie schafft Begegnung, vermittelt Wissen und macht Zusammenhänge sichtbar, die im Alltag zunehmend aus dem Blick geraten.
Gleichzeitig haben sich die Anforderungen an eine solche Veranstaltung verändert. Tierwohl, Sicherheit und ein verantwortungsvoller Umgang mit den ausgestellten Tieren spielen heute eine zentrale Rolle. Als Veranstalter überprüfen und entwickeln wir die Rahmenbedingungen deshalb kontinuierlich weiter.
Wissen, wo unsere Lebensmittel herkommen
Lebensmittel sind heute nahezu jederzeit verfügbar. Milch, Käse, Fleisch und viele weitere Produkte werden überwiegend fertig verarbeitet im Handel gekauft. Der Weg von der landwirtschaftlichen Erzeugung bis zum Lebensmittel ist für viele Verbraucherinnen und Verbraucher kaum noch sichtbar.
Eine Tierschau kann diesen Zusammenhang wieder unmittelbar vermitteln.
Wer vor einer Milchkuh steht, bekommt einen anderen Bezug zu einem Liter Milch als allein durch eine Abbildung oder einen Text. Kinder erleben, wie groß ein Rind tatsächlich ist, können Fragen stellen und erfahren, was ein Tier täglich an Futter, Wasser, Pflege und Betreuung benötigt.
Damit ist eine Tierschau auch ein Ort der Ernährungsbildung.
Dabei geht es nicht darum, Besucherinnen und Besuchern vorzuschreiben, wie sie sich ernähren sollen. Vielmehr geht es um Wissen als Grundlage eigener Entscheidungen. Wer beurteilen möchte, wie Lebensmittel erzeugt werden, welche Rolle Tierwohl spielt oder welche Bedeutung regionale Landwirtschaft hat, muss die Zusammenhänge kennen.
Zur Wertschätzung eines Lebensmittels gehört deshalb auch das Wissen darüber, woher es stammt und welcher Aufwand hinter seiner Erzeugung steht.
Landwirtschaft bekommt ein Gesicht
Zwischen landwirtschaftlicher Erzeugung und Verbraucher liegen heute häufig mehrere Verarbeitungs- und Handelsstufen. Gleichzeitig gibt es immer weniger persönliche Berührungspunkte zwischen landwirtschaftlichen Betrieben und der übrigen Bevölkerung.
Auf der Tierschau ist dieser Kontakt unmittelbar möglich.
Landwirtinnen und Landwirte sowie Züchterinnen und Züchter stehen gemeinsam mit ihren Tieren vor Ort. Besucher können Fragen stellen: Was frisst eine Kuh? Wie wird ein Kalb aufgezogen? Was unterscheidet verschiedene Rinderrassen? Wie werden Schafe gehalten? Was bedeutet Zucht? Wie viel Arbeit steckt in der täglichen Versorgung eines Tieres?
Nicht jede Frage lässt sich mit einem Schild oder einer Internetseite beantworten. Das persönliche Gespräch mit Menschen, die täglich mit den Tieren arbeiten, schafft einen anderen Einblick.
Die Tierschau ist damit auch eine Form landwirtschaftlicher Öffentlichkeitsarbeit: nicht theoretisch, sondern unmittelbar und vor Ort.
Tiere kennenlernen heißt auch, Verantwortung zu verstehen
Rinder, Schafe, Ziegen oder Pferde gehören für viele Menschen nicht mehr zum täglichen Umfeld. Besonders Kinder erleben landwirtschaftliche Tiere häufig nur noch in Büchern, Filmen oder digitalen Medien.
Eine echte Begegnung vermittelt mehr.
Ein ausgewachsenes Rind beeindruckt allein durch seine Größe. Ein Pferd reagiert auf Bewegungen und Körpersprache seines Menschen. Schafe und Ziegen zeigen jeweils ganz eigene Verhaltensweisen.
Dadurch wird auch deutlich, dass Tiere keine Ausstellungsgegenstände sind. Sie sind Lebewesen mit individuellen Eigenschaften und Bedürfnissen.
Genau deshalb gehört zu einer heutigen Tierschau nicht nur das Zeigen der Tiere, sondern auch ein verantwortungsvoller Umgang mit ihnen.
Tierwohl beginnt lange vor dem Kirmesdienstag
Die eigentliche Tierschau dauert nur wenige Stunden. Die Vorbereitung der Tiere beginnt teilweise jedoch Wochen oder Monate vorher.
Ein entscheidender Punkt ist bereits die Auswahl.
Nicht jedes Tier ist für eine Tierschau geeignet.
Landwirte und Tierhalter kennen ihre Tiere und können einschätzen, welche Tiere gelassen mit Transport, anderen Tieren, einer fremden Umgebung und vielen Menschen umgehen können.
Zeigt ein Tier bereits bei der Vorbereitung, dass es sich mit einer solchen Situation nicht wohlfühlt oder dafür nicht geeignet ist, wird es nicht ausgestellt. Dann bleibt es im gewohnten Stall oder auf der Weide.
Auch während der Veranstaltung gilt dieser Grundsatz. Entscheidend ist nicht, dass ein Tier unbedingt präsentiert werden muss. Entscheidend ist, wie es sich verhält.
Zeigt ein Tier, dass die Situation für es nicht passt, muss darauf reagiert werden.
Diese individuelle Betrachtung ist ein wesentlicher Bestandteil moderner Tierhaltung: Nicht ein festgelegter Ablauf steht über allem, sondern das konkrete Tier.
„Kind mit Kalb“ und „Kind mit Pony“: Vertrauen braucht Zeit
Besonders deutlich wird dieser Gedanke bei den Wettbewerben „Kind mit Kalb“ und „Kind mit Pony“.
Das Kind bekommt nicht am Morgen der Tierschau ein fremdes Tier an die Hand. Vielmehr wird über Wochen und teilweise Monate gemeinsam geübt.
Das Tier gewöhnt sich an das Kind, an Berührungen, das Führen und die gemeinsame Bewegung. Gleichzeitig lernt das Kind sein Tier immer besser kennen. Es lernt, dessen Körpersprache wahrzunehmen, Reaktionen einzuschätzen und verantwortungsvoll mit ihm umzugehen.
So entsteht nach und nach eine vertrauensvolle Beziehung.
Bei der Präsentation geht es deshalb nicht allein um das äußere Erscheinungsbild eines Tieres. Gerade bei den jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmern stehen der sichere Umgang, Ruhe und das Zusammenspiel zwischen Kind und Tier im Mittelpunkt.
Die Vorbereitung vermittelt damit zugleich etwas Grundsätzliches: Wer mit einem Tier umgehen möchte, muss lernen, es zu beobachten, seine Bedürfnisse zu respektieren und Verantwortung zu übernehmen.
Auch Pferde gehören zur landwirtschaftlichen Geschichte
Pferde haben bei der Wendener Tierschau traditionell einen festen Platz.
Ihre Rolle unterscheidet sich heute von der früherer Generationen. Über Jahrhunderte waren Pferde für Landwirtschaft und ländlichen Alltag unverzichtbar. Sie zogen Pflüge und Erntewagen, transportierten Menschen und Güter und übernahmen zahlreiche Arbeiten, die später Maschinen erledigten.
Mit der Mechanisierung hat sich ihre Aufgabe verändert. Pferdezucht und Pferdehaltung sind aber bis heute Teil des ländlichen Raumes. Pferde werden heute unter anderem in Zucht, Sport und Freizeit sowie in einzelnen Bereichen der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt.
Auch bei ihnen gilt: Nicht jedes Pferd eignet sich für eine Veranstaltung mit vielen Menschen.
Pferde unterscheiden sich in Charakter und Erfahrung. Ein gut vorbereitetes und an unterschiedliche Situationen gewöhntes Pferd kann eine solche Präsentation ruhig und aufmerksam erleben. Viele Pferde beschäftigen sich gerne mit ihren vertrauten Menschen und reagieren positiv auf Bewegung, Aufgaben und gelernte Abläufe.
Eine pauschale Aussage, dass jedes Pferd eine Veranstaltung „gerne“ besucht, wäre dennoch nicht sachgerecht. Entscheidend ist immer das Verhalten des einzelnen Pferdes. Deshalb sind Auswahl, Gewöhnung und die Begleitung durch vertraute Personen so wichtig.
Sicherheit für Tier und Mensch
Zu einer verantwortungsvollen Tierschau gehört neben dem Tierwohl auch die Sicherheit aller Beteiligten.
Rinder und Pferde sind große und kräftige Tiere. Menschen, die regelmäßig mit ihnen arbeiten, können ihre Bewegungen und Reaktionen in der Regel gut einschätzen. Für Besucherinnen und Besucher ohne Erfahrung ist das deutlich schwieriger.
Deshalb müssen Begegnungen zwischen Mensch und Tier organisiert werden.
Absperrungen, sichere Laufwege und ausreichend Platz dienen dabei nicht dazu, Landwirtschaft auf Distanz zu halten. Im Gegenteil: Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Besucher Tiere aus der Nähe erleben können, ohne sich selbst oder die Tiere unnötigen Risiken auszusetzen.
Auch bei der Aufstellung der Tiere am Morgen kommt Erfahrung eine entscheidende Bedeutung zu. Heimische Landwirte sind vor Ort und bringen ihre praktische Fachkenntnis ein. Sie unterstützen dabei, Tiere sachgerecht aufzustellen, Laufwege zu beurteilen und Situationen frühzeitig einzuschätzen.
Diese Erfahrung kann nicht allein durch organisatorische Vorgaben ersetzt werden. Menschen, die täglich mit Rindern, Pferden und anderen Nutztieren arbeiten, erkennen häufig bereits an kleinen Veränderungen im Verhalten, ob ein Tier ruhig ist oder ob eine Situation angepasst werden sollte.
Gesundheit und behördliche Kontrolle
Auch die gesundheitlichen Voraussetzungen für die Teilnahme sind geregelt.
Für die Anmeldung zur Wendener Tierschau gelten die Ausstellungsbedingungen des Kreises Olpe. Je nach Tierart sind entsprechende Tierhaltererklärungen und Nachweise erforderlich. Der zuständige Fachdienst Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung des Kreises Olpe ist in die Veranstaltung eingebunden.
Diese Zusammenarbeit ist ein wichtiger Bestandteil der Tierschau. Die zuständige Behörde kontrolliert auch vor Ort und begleitet damit die Einhaltung der tiergesundheitlichen und tierschutzrechtlichen Anforderungen.
Der Veranstalter, die Tierhalter, erfahrene Landwirte und die zuständige Behörde tragen auf diese Weise jeweils ihren Teil dazu bei, dass die Veranstaltung verantwortungsvoll durchgeführt werden kann.
Melken gehört zur Versorgung der Tiere
Auch die Bedürfnisse einer Milchkuh richten sich nicht nach einem Schauprogramm.
Das regelmäßige Melken gehört zur normalen Versorgung des Tieres. Eine unnötig starke Euterfüllung darf nicht deshalb entstehen, weil eine Kuh bei einer Präsentation möglichst eindrucksvoll erscheinen soll.
Deshalb gehört ein tiergerechtes Melkmanagement ebenfalls zur Durchführung einer modernen Tierschau. Wenn es notwendig ist, werden Kühe entsprechend abgemolken.
Das Wohlbefinden und die Gesundheit des Tieres haben Vorrang vor der optischen Präsentation.
Dieser Punkt zeigt beispielhaft, wie sich die Anforderungen an Tierschauen weiterentwickelt haben: Nicht allein das äußere Erscheinungsbild ist entscheidend, sondern ebenso die Frage, wie es dem Tier während der Veranstaltung geht.
Schatten, Wasser und Schutz vor Hitze
Auch die Witterung spielt eine wichtige Rolle.
Insbesondere hohe Temperaturen und starke Sonneneinstrahlung können für Tiere belastend sein. Deshalb wurden auf dem Gelände in den vergangenen Jahren zusätzliche Bäume gepflanzt, um das natürliche Schattenangebot weiter zu verbessern.
Solche Maßnahmen benötigen Zeit. Ein neu gepflanzter Baum spendet nicht unmittelbar den Schatten eines alten Baumbestandes. Die Pflanzungen sind deshalb eine langfristige Investition in die Qualität des Tierschaugeländes.
Darüber hinaus stehen weitere technische Möglichkeiten zur Verfügung. Bei entsprechenden Wetterbedingungen kann eine Anlage zur Wasserzerstäubung ausgerollt werden, um zusätzliche Kühlung zu ermöglichen.
Wasser, Schatten, geeignete Aufenthaltsbereiche und die Beobachtung der Tiere gehören dabei zusammen. Welche Maßnahmen erforderlich sind, hängt von Temperatur, Sonneneinstrahlung und den jeweiligen Tieren ab.
Auch hier gilt: Die Bedingungen müssen sich an den Tieren orientieren – nicht umgekehrt.
Sicherheit und Tierwohl werden kontinuierlich weiterentwickelt
Eine Veranstaltung mit Tieren lässt sich nicht einmal organisieren und anschließend über Jahrzehnte unverändert durchführen.
Erfahrungen aus vergangenen Tierschauen, Veränderungen des Geländes, neue fachliche Erkenntnisse und die Anforderungen der zuständigen Behörden fließen kontinuierlich in die Planung ein.
Für uns als Veranstalter bedeutet Verantwortung deshalb auch, bestehende Abläufe immer wieder zu hinterfragen.
Wo können zusätzliche Schattenplätze entstehen? Wo lassen sich Laufwege verbessern? Sind weitere Absicherungen sinnvoll? Welche Möglichkeiten zur Kühlung gibt es bei hohen Temperaturen? Wie können Tiere ruhiger aufgestellt werden? Welche Erfahrungen bringen die teilnehmenden Landwirte mit?
Die Baumpflanzungen, die Möglichkeit einer zusätzlichen Kühlung durch Wasserzerstäubung oder Verbesserungen bei der Absicherung des Geländes sind Beispiele für diese fortlaufende Entwicklung.
Nicht jede Verbesserung ist für Besucher auf den ersten Blick sichtbar. Für die Durchführung der Tierschau können solche Details jedoch entscheidend sein.
Nähe ermöglichen – aber verantwortungsvoll
Der besondere Wert einer Tierschau liegt gerade darin, dass Tiere nicht nur aus der Ferne betrachtet werden.
Landwirtschaft soll unmittelbar erlebt werden können. Gleichzeitig muss diese Nähe kontrolliert und verantwortungsvoll gestaltet sein.
Dazu gehört auch, dass Tiere nicht beliebig angefasst oder gefüttert werden. Der jeweilige Tierhalter kann am besten beurteilen, was für sein Tier geeignet ist. Gerade bei großen Tieren müssen Besucher außerdem deren Bewegungsradius respektieren.
Sicherheit bedeutet deshalb nicht größtmögliche Distanz.
Sie bedeutet, Begegnungen so zu gestalten, dass Menschen Tiere erleben können und gleichzeitig die Bedürfnisse und Grenzen der Tiere respektiert werden.
Tradition und moderne Verantwortung gehören zusammen
Eine Tradition bleibt nicht allein dadurch lebendig, dass man sie unverändert wiederholt.
Sie muss sich weiterentwickeln.
Die Wendener Tierschau verbindet heute landwirtschaftliche Tradition mit aktuellen Aufgaben: Ernährungsbildung, Wissen über Tierhaltung, Wertschätzung für Lebensmittel, Nachwuchsarbeit, Tierwohl und den direkten Austausch zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung.
Gerade weil unmittelbare Begegnungen mit Landwirtschaft und Nutztieren im Alltag seltener geworden sind, haben sie an Bedeutung gewonnen.
Die Tierschau zeigt, dass hinter einem Lebensmittel mehr steht als das Produkt im Supermarktregal. Sie zeigt Tiere, Menschen, Wissen, Arbeit und Verantwortung.
Und sie macht sichtbar, dass verantwortungsvolle Tierhaltung nicht erst auf dem Tierschauplatz beginnt. Sie beginnt bei der täglichen Arbeit auf den Höfen, bei der Auswahl und Vorbereitung der Tiere und bei der Frage, ob ein Tier für eine solche Veranstaltung überhaupt geeignet ist.
Als Veranstalter sehen wir es deshalb als unsere Aufgabe, die Tierschau nicht nur zu bewahren, sondern ihre Rahmenbedingungen kontinuierlich weiterzuentwickeln.
So verbindet die Tierschau auf der Wendener Kirmes ihre lange Geschichte mit einer Aufgabe, die heute vielleicht wichtiger ist denn je: Landwirtschaft verständlich, unmittelbar und verantwortungsvoll erlebbar zu machen.
